Schnabel: Finanzbildung wichtig für Wirksamkeit der Geldpolitik
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Von Hans Bentzien
DOW JONES--Private Haushalte im Euroraum haben nach Aussage von EZB-Direktorin Isabel Schnabel oft kein zutreffendes Bild von der aktuellen Inflation und der Entwicklung ihrer Realeinkommen, was die Wirksamkeit der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) beeinträchtigt. In einer Veranstaltung der Bayes Business School sagte Schnabel laut veröffentlichtem Redetext, dass solche Fehleinschätzungen häufig mit einem Mangel an finanzieller Bildung einhergingen, weshalb die Zentralbanken versuchten, den Bildungsstand zu heben.
"Finanziell gebildete Menschen reagieren stärker auf Zinsänderungen, sind eher bereit, Risiken einzugehen, und bilden ihre Inflationserwartungen eher vorausschauend. Dadurch wird die Übertragung der Zentralbankpolitik auf die Realwirtschaft tendenziell verstärkt", sagte Schnabel. Die EZB-Direktorin erläuterte anhand von drei geldpolitischen Wirkungskanälen, wie finanzielle Bildung wirkt.
1. Zinskanal
Als die EZB im Jahr 2022 ihre Leitzinsen anhob, um die Inflation zu bekämpfen, verstanden finanziell gebildete Menschen, dass dies günstigere Bedingungen für das Sparen und weniger attraktive Bedingungen für die Kreditaufnahme schuf, was die politische Transmission verstärkte. Weniger schön für die Wirksamkeit der Geldpolitik: Haushalte mit hoher finanzieller Bildung bevorzugten festverzinsliche Kredite, wenn die Zinsen niedrig waren, aber nicht, wenn sie hoch waren. "Dieses Verhalten verlangsamt tendenziell die Transmission der Politik, da es diese Haushalte von Zinsänderungen abschirmt", erläuterte Schnabel.
2. Risikokanal
Finanziell besser gebildete Personen sind Schnabel zufolge eher bereit, in die Kapitalmärkte zu investieren. Sie erhöhen ihr Engagement dort bei niedrigen Zinsen und unterstützen damit die Stoßrichtung der Geldpolitik. Gleiches gilt für Inhaber von Hypothekenkrediten, die bei steigenden Zinsen ihren Konsum stärker reduzieren als andere Verbraucher.
3. Inflationserwartungskanal
Finanziell besser gebildete Personen bilden ihre Inflationserwartungen stärker vorausschauend, weniger gebildete eher mit Blick in die Vergangenheit. "Vorausschauende Haushalte bilden ihre Erwartungen auf der Grundlage eines breiteren Spektrums von Informationen, einschließlich der Zentralbankpolitik und ihrer erwarteten Auswirkungen auf die Wirtschaft, während rückwärtsgerichtete Haushalte ihre Erwartungen in höherem Maße auf die Inflationserfahrung der Vergangenheit stützen", sagte Schnabel. Ein höherer Anteil an rückwärtsgewandten Haushalten bedeute daher, dass die Zentralbank die Geldpolitik stärker straffen muss, um den gleichen Inflationsrückgang zu erreichen.
Die Ergebnisse der EZB-Konsumentenumfrage zeigen regelmäßig, dass die Inflation nach Meinung vieler Konsumenten deutlich höher als die tatsächlich gemessene ist, vor allem die der weniger finanziell gebildeten. "Insgesamt schwankte der Anteil der Verbraucher, deren Inflationserwartungen weitgehend bei 2 Prozent verankert sind - was bedeutet, dass die dreijährigen Inflationserwartungen zwischen 1,5 und 2,5 Prozent liegen -, um einen Wert von nur 17 Prozent schwanken, was auf einen geringen Grad der Verankerung hindeutet", sagte die EZB-Direktorin.
Eine Folge davon ist, dass Konsumenten ihre Reallohnentwicklung zu niedrig einschätzten, was eine Ursache für einen schwächeren Konsum gewesen sein könnte. Die EZB prognostiziert seit einiger Zeit eine von Privatkonsum angeführte Konjunkturerholung, die sich bisher aber nur zögernd einstellt.
Der Grad finanzielle Bildung ist Schnabel zufolge schließlich auch entscheidend dafür, ob Personen die EZB und ihr Inflationsziel für glaubwürdig halten. "In der jüngsten Inflationsepisode stieg der Anteil der Haushalte mit hoher Finanzkompetenz, die der EZB zutrauten, die Preisstabilität in den nächsten drei Jahren zu gewährleisten, deutlich, nachdem die EZB mit ihrem Zinserhöhungszyklus begonnen hatte und die Inflation deutlich zurückgegangen war", sagte Schnabel.
Dagegen hätten Haushalte mit geringer Finanzkompetenz bei steigenden Zinssätzen das Vertrauen in die Fähigkeit der EZB verloren, die Preisstabilität zu gewährleisten. "Selbst als die Inflation bereits deutlich zurückgegangen war, blieb der Anteil der Haushalte, die der Fähigkeit der EZB zur Gewährleistung der Preisstabilität vertrauten, gering." Dies decke sich mit jüngsten Erkenntnissen aus den USA, wo 60 Prozent der Befragten glaubten, dass hohe Zinsen eine hohe Inflation verursachten.
Kontakt zum Autor: hans.bentzien@dowjones.com
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